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Das Dorf ist tot – lang lebe das Dorf!

19.09.2022 · von Oliver de Neidels

Früher blühendes Dorfleben in Cleverns mit zwei Kneipen, Dorfladen und sogar zwei Bankfilialen. In Rahrdum gab es einen Supermarkt. Jetzt hat das Kaffeehaus geschlossen und mit ihm der letzte Treffpunkt. Wie ist das passiert und muss das so bleiben?

Wahlbenachrichtigung Landtagswahl
Rahrdumer*innen müssen jetzt zum Wählen in die Stadt. Auch wenn es nur bis zum Blumenkohl ist, fällt der Spaziergang für einige jetzt flach und sie fahren mit dem Auto zum Wahllokal.

Die Mitteilung der Stadt Jever liest sich nüchtern und ein kleines Detail eines großen Problems: „(..) steht das Kaffeehaus Rahrdum in diesem Jahr nicht mehr als Wahllokal zur Verfügung. Für diesen Wahlbezirk wird künftig ein Wahlraum in der Kindertagesstätte Schützenhofstraße eingerichtet.“ Das Kaffeehaus hat geschlossen und es gibt keinen Raum mehr, in dem eine Wahl stattfinden könnte. Die meisten Rahrdumer haben die Gaststätte in den letzten Jahren wohl tatsächlich nur zu den Wahlterminen von innen gesehen, was sicher einer der Gründe für die Schließung ist. Und für das tägliche Leben im Stadtteil hat es auch nur wenige Auswirkungen. Als Ganzes betrachtet sieht man hier und überall aber das gleiche Problem: Außenbezirke werden zu Schlafdörfern. Für jede Scheibe Käse, jede Flasche Bier und jeden Strauss Blumen muss man in die nächste Stadt fahren. Und ab sofort eben auch zum Wählen.

Als ich Kind war, gab es in Rahrdum einen kleinen Supermarkt mit Fleisch- und Käsetheke und eine Obst- und Gemüseabteilung, später kam ein kleiner Postschalter dazu. Es gab einen Bäcker, eine Fleischerei, einen Kiosk, einen Imbiss, einen Blumenladen, einen Frisör, zwei Banken und eben das Kaffeehaus. Für den täglichen Bedarf musste niemand nach Jever fahren. In Cleverns war es ähnlich: Kleiner Tante-Emma-Laden, Kiosk, zwei Kneipen und zwei Banken. Schreibwaren gab es bei Burmann.

Mittlerweile sieht es traurig aus: In Rahrdum sind nur noch Bäcker, Kiosk und zwei Friseure übrig, dazu eine Pizzeria. In Cleverns gibt es mittlerweile gar keinen Einzelhandel und Läden des täglichen Bedarfs mehr. Auch eine Bank gibt es nicht mehr – es gibt ja auch schlicht keinen Platz, an dem man Geld ausgeben könnte, denn auch das einst so rege Dorfkneipenleben ist lange Geschichte. Die beiden Ortsteile sind nicht mehr zum Geld ausgeben oder Geld verdienen da, sondern nur noch zum Schlafen. Während in Cleverns zumindest Schule, Kindergarten und die Dorfgemeinschaft noch Leben in den Ort bringen, gibt es all das in Rahrdum nicht.

Die Suche nach der Ursache ist wie immer schwierig. Den einen großen Grund gibt es nicht. Im unter hohen Kostendruck arbeitenden Einzelhandel gibt es den Trend zu immer größeren Läden mit immer größeren Einzugsgebieten. Kleine Dorfläden lohnen sich nicht mehr. Vielleicht am wichtigsten aber ist der fortschreitende Ausbau der (automobilen) Infrastruktur. Die Welt ist auf einen optimal fließenden Kraftfahrzeugverkehr getrimmt worden. Weiter entfernt liegende Ziele lassen sich in immer kürzerer Zeit erreichen. Der Mobilitätsradius einer Person erhöht sich. Wo früher der Fußweg zum Supermarkt vor Ort die einzige Option in akzeptabler Zeit war, eröffnet das eigene Auto plötzlich den Weg zu einem halben Dutzend verschiedener Läden, die in der selben Zeit erreichbar sind. Fünf Kilometer weiter fahren um das Toilettenpapier dreizig Cent günstiger zu bekommen lohnt sich plötzlich vermeintlich. Diese Rechnung geht freilich nicht auf, aber in Zeiten gefühlter Wahrheiten ist das vielleicht auch gar nicht so wichtig.

Im Zeitraffer betrachtet, fahren nun nach und nach mehr Menschen zum Einkaufen in die größere Stadt, wo es mehr Auswahl gibt. Irgendwann schließt der Dorfladen, weil zu wenige Menschen vor Ort einkaufen. Jetzt sind alle gezwungen, in die Stadt zu fahren und die wenigen, die bisher noch zu Fuß einkaufen waren, müssen jetzt ebenfalls in die Stadt fahren. Weil der ÖPNV im Dorf traditionell auch vernachlässigt wurde, geschieht das jetzt auch mit dem eigenen Auto. Paradoxerweise kann das sogar teurer sein als der Einkauf im Dorfladen vorher, auch wenn die Preise im Stadt-Supermarkt günstiger sind, denn Zeit und Weg sind ja nicht kostenlos. Ganz zu schweigen von der benötigten Infrastruktur: Mehr und breitere Straßen und größere Parkplätze. Am Ende gibt es keine Wahl mehr: Nichts ist mehr fußläufig erreichbar. Für alles muss mit dem Auto in die Stadt gefahren werden. Die Menschen sagen: „Ich bin aufs Auto angewiesen“ und beginnen sogar Wege innerhalb des Dorfes mit dem Auto zurückzulegen. Alle Gruppen ohne eigenes Kraftfahrzeug haben es doppelt schwer: Kinder und Jugendliche können genauso wenig selber fahren wie viele Ältere, die sich die Fahrt nicht mehr zutrauen. Dazu kann sich schlicht auch nicht jeder ein Auto leisten.

Nicht nur im Dorf, sondern auch im städtischen Raum wird es mit der fußläufigen Erreichbarkeit schwieriger. Weil immer mehr Autos in die Stadt fahren, muss auch hier der öffentliche Raum immer weiter für das Auto umgestaltet werden. Mehr und mehr Flächen werden dem Autoverkehr gegeben, sei es zum Fahren oder zum Parken. Im schlimmsten Fall werden dann auch noch die verbleibenden Fuß- und Radverkehrsflächen beparkt. Der kleine Supermarkt an der Ecke verschwindet zugunsten des großen Verbrauchermarkts mit noch größerem Parkplatz. Es gibt irgendwann nicht mehr 5 Läden, in denen man einen neuen Kochtopf kaufen kann, sondern nur noch ein Kochtopf-Regal im großen Warenhaus an der Ausfallstraße. Auch innerstädtisch wird es nun zunehmend mühsam sich ohne Auto fortzubewegen.

Unsere Orte wieder kleinteiliger gestalten

Diese Strukturen auf dem Land wie in der Stadt sind nicht in Stein gemeißelt, sie wurden von uns selber so erschaffen und können auch von uns wieder angepasst werden. Das kann nicht von heute auf morgen passieren, aber auch von der sich abzeichnenden Klimakrise bleibt uns am Ende vermutlich gar nichts anderes übrig, als unsere Dörfer und Städte wieder kleinteiliger zu gestalten.

Es gibt Ideen dazu: In einigen Dörfern haben kleine SB-Läden mit einem guten Querschnitt durch das Sortiment eröffnet. Diese Läden gehören zu größeren Supermärkten in der Umgebung und kommen fast ohne Personal aus. Nur zwischendurch kommt jemand zum Auffüllen und Saubermachen. Zutritt gibt es nur mit Kundenkarte, bezahlt wird über diese Karte automatisch beim Verlassen des Ladens. Hier gibt es keine 20 verschiedenen Käsesorten, sondern vielleicht nur fünf.

Dazu muss die Anbindung der Orte mit ÖPNV wieder besser werden. Die verlässliche Busverbindung in kurzen Taktzeiten muss zur städtischen und dörflichen Infrastruktur gehören wie die Wasserleitung – auch ausserhalb der Schulzeiten. Das können übrigens auch kleinere, autonom fahrende Busse sein. Wer sich darauf verlassen kann, dass immer um 10 Minuten nach der vollen Stunde ein Bus von Cleverns nach Jever fährt, der nutzt dieses Angebot auch. Dazu gehört auch ein günstiger, leicht zu verstehender Tarif: Das 9-Euro-Ticket lässt grüßen. Ja, das kann möglicherweise ein Zuschussgeschäft sein, aber das ist der Bau und Unterhalt von vielen Kilometern Straßen und Parkplätzen auch. Die Kosten hierfür werden ohne zu Murren von der Allgemeinheit getragen

Der Ausbau der Radwege muss ebenfalls eine hohe Priorität haben. Breite, glatte und hindernisfreie Wege, getrennt vom Fuß- und Autoverkehr gehören an jede Hauptstraße und besonders an die Verbindungen zwischen den Orten. Dazu muss das Autofahren innerorts erschwert werden: Schleichwege müssen zurückgebaut werden und dafür der Radverkehr schneller gemacht werden. Von Tür zu Tür muss innerorts das Rad das schnellste Verkehrsmittel sein. Allein aus Platzgründen kann auch nicht vor jedem Fahrziel ein Autoparkplatz stehen. Größere Parkplätze als Sammelparkplätze reichen aus. In den anderen Bereichen sollte es aber Lieferzonen und Parkflächen für Handwerker, Pflegedienste und natürlich auch mobilitätseingeschränkte Personen geben.

Statistisch gesehen werden die Hälfte der Autos an einem normalen Tag gar nicht bewegt. Insgesamt fährt ein durchschnittliches Auto 45 Minuten am Tag und steht folglich den Rest des Tages nur herum. Viele Menschen haben ein Auto, weil sie es für den Alltag brauchen, nicht weil sie eines besitzen wollen. Hier kann Car-Sharing für einen Teil der Menschen die Lösung sein. Das ist auch in einer Kleinstadt und in Dörfern sinnvoll. Zentrale Parkplätze mit ein paar Sharing-Autos in den Ortsteilen und verteilt im Stadtgebiet können viele Mobilitätsbedürfnisse erfüllen. Denkbar sind auch Kombi-Angeboten in Zusammenarbeit mit ortsansässigen Firmen: Tagsüber nutzen die Firmen die Car-Sharing-Fahrzeuge für die dienstlichen Fahrten ihrer Angestellten. In den restlichen Zeiten können alle anderen die PKW nutzen. Das ganze muss möglichst einfach über eine Handyapp nutzbar sein: Buchung eines Fahrzeugs und die Abrechnung soll kein Informatikstudium erfordern.

Alle diese Lösungsansätze haben eines gemeinsam: Sie können nicht alleine von den Kommunen und Dörfern geplant und bezahlt werden. Dazu fehlen schlicht die personellen, fachlichen und finanziellen Ressourcen. Hier sind Bund und Länder gefragt. Es reicht auch nicht aus, dass Fördertöpfe bereitgestellt werden. Vielmehr müsste es eine Fachstelle geben, die fertige Konzepte erarbeitet und in der Fläche ausrollt. Vieles ist universell anwendbar und wirkt auch umso stärker, wenn es über mehrere Städte in einer Region gleich funktioniert.

Dazu kommt die Förderung der dörflichen Strukturen, wo sie denn noch vorhanden sind: Grundschulen und Kindergärten müssen vernünftig ausgestattet werden, die Sportvereine ordentliche Sportanlagen haben und die Feuerwehr eben nicht nur als Dienstleister im Unglücksfall betrachtet werden, sondern als Stützpfeiler der Dorfgemeinschaft. Dazu muss es Orte geben, an denen sich Menschen begegnen können: Spielplätze, Dorfplätze und Dorfgemeinschaftshäuser. Wichtig ist auch, dass Dörfer für junge Menschen und Familien attraktiv bleiben. Wenn nur noch alte Menschen vor Ort sind, dann stirbt auch das letzte bisschen Dorfleben über kurz oder lang.

Aber: Dörfer sind nicht von heute auf morgen so verschlafen geworden und wir sollten sie nicht kampflos aufgeben. Das Dorf ist tot – es lebe das Dorf.


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Über den Autor

Mein Name ist Oliver de Neidels, ich bin 1979 geboren und wohne seitdem in Jever. Ich bin verheiratet und habe drei Schulkinder im Alter von 6-10 Jahren. Ich bin selbständig und habe ein kleines Unternehmen, das Webseiten wie diese hier baut.

Seit November 2021 sitze ich im Jeverschen Stadtrat und versuche dort (unter anderem) die Verkehrswende in der Kleinstadt voran zu bringen und den Straßenraum ein wenig gerechter zu verteilen.