Auf dem Weg zur Fahrradstadt

Ein Gehweg ist noch lange kein Radweg

06.03.2021 · von Oliver de Neidels

Radfahrer sind in der Stadt oftmals als Fährtenleser unterwegs. Nicht jeder Weg, der wie ein Radweg aussieht, ist auch einer. Und nicht jeder Weg, der befahren werden darf, kann auch genutzt werden.

Gehweg, Radverkehr frei
Gehweg, Radverkehr frei: Hier ist Schrittgeschwindigkeit angesagt. Bild: Pixabay

In Jever gibt es bekanntermaßen an den Hauptachsen keine eigenständigen Radwege und Radfahrer sollen somit auf der Fahrbahn fahren. Das führt jedoch zu Konflikten mit dem Autoverkehr, der sich behindert fühlt. Ein Überholen von Radfahrern mit 1,50 m Abstand ist schließlich nur möglich, wenn kein Gegenverkehr kommt. Das kann zu Stoßzeiten schon einmal zu Überreaktionen führen. Enges Überholen, Anhupen, Drängeln, Beleidigungen und belehrende Gesten sind die leider vielen Radfahrern nicht unbekannte Konsequenz.

Für viele Gruppen, etwa Kinder ab dem 10. Lebensjahr und Senioren, ist das Fahren auf der Fahrbahn keine Lösung. Weil also an vielen Orten der Bedarf an vom Kraftverkehr getrennten Wegen besteht, dieser aber nur mit Umbauarbeiten der Straße erfüllt werden kann, haben sich viele Kommunen eine Notlösung einfallen lassen: Das Radfahren an Hauptstraßen auf dem dafür eigentlich zu schmalen Gehweg wird mit dem Zusatzschild „Radverkehr frei“ erlaubt. Das macht aus diesem Gehweg dann allerdings noch lange keinen Radweg: Radfahrer sind hier geduldete Gäste und dürfen nur mit Schrittgeschwindigkeit fahren. In der Praxis sieht es meist anders aus und der Weg wird in Normalgeschwindigkeit genutzt. Weil Kommunen den kostenintensiven Umbau des Straßenraums scheuen, wird dies aber oft auch stillschweigend geduldet. Hier sind dann die Fußgänger die Leidtragenden.

Radfahrer stehen also vor der Wahl: Entweder regelkonform auf der Fahrbahn mit den Autos fahren (mit den oben beschriebenen Nachteilen) oder zu schnell, aber vermeintlich sicherer über den Gehweg. Diese Sicherheit ist dabei trügerisch: Die höheren Unfallzahlen, wenn auf dem Gehweg gefahren wird, sind lange bekannt. Insbesondere das berühmte „Übersehen“ an Knotenpunkten ist hier eine Gefahr, die bei der Fahrbahnnutzung deutlich geringer ist.

Mittlerweile wird aber auch ein anderes Problem sichtbar: Durch die boomhafte Verbreitung von Pedelecs steigt auch die Durchschnittsgeschwindigkeit des Radverkehrs deutlich an. Die Nutzung des Gehwegs mit etwa 15 km/h ist vielleicht gerade noch so im Graubereich am oberen Ende der Schrittgeschwindigkeit zu tolerieren. Pedelecs mit 20-25 km/h gehören aber genau wie der Großteil der erwachsenen Radfahrer definitiv nicht mehr auf den Gehweg, sondern gut sichtbar auf die Fahrbahn.

Wenn jetzt aber alle Radfahrer, die schneller als Schrittgeschwindigkeit fahren möchten, auf Hauptstraßen die Fahrbahn nutzen, wird schnell deutlich: Ohne durchgängige, von Fußgängern und Autofahrern getrennte und gut ausgebaute Radwege mit sicher umgebauten Knotenpunkten geht es an den Hauptachsen nicht.

Dieser Artikel ist am 06.03.2021 im Jeverschen Wochenblatt erschienen: Link zum Artikel auf Lokal26


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Über den Autor

Mein Name ist Oliver de Neidels, ich bin 1979 geboren und wohne seitdem in Jever. Ich fahre gerne Fahrrad und versuche in meinem Alltag so weit es geht auf mein Auto zu verzichten. Das geht in unserer ländlichen Region natürlich nicht immer. Fußballplätze auf Dörfern sind sonntags morgens um 9 Uhr nicht mit dem ÖPNV zu erreichen. Aber innerhalb der Stadt bekommt das Rad fast immer den Vorzug.

Ich bin verheiratet und habe drei Kinder, die hier zur Schule und zum Kindergarten gehen. Ich bin selbständig und habe ein kleines Unternehmen, das Webseiten wie diese hier baut.