Auf dem Weg zur Fahrradstadt

Fahrradstadt Jever: Ein Ausblick auf 2022

20.12.2021 · von Oliver de Neidels

Der Radfahrplan 2021-30 ist seit einem Jahr beschlossen und die ersten zaghaften Maßnahmen sind umgesetzt. Im Stadtbild sind vor allem die größere Anzahl von Fahrradbügeln zu sehen. Doch die wirklich dicken Bretter sind noch ungebohrt. Was können Radfahrer*innen in Jever für das Jahr 2022 also erwarten?

Bahnhofstraße, 29.11.20
Baustelle Radweg: Wann können wir mit Verbesserungen rechnen? Bild: Oliver de Neidels

Es war ein wenig ruhig hier auf dieser Seite, aber nicht drumherum. Ich bin bei den Kommunalwahlen im September in den Rat der Stadt Jever gewählt worden (vielen Dank dafür) und werde dort nun versuchen, die Ideen auf dieser Seite auch tatsächlich politisch voranzubringen.

Das kann und will ich natürlich nicht alleine tun, sondern in breiter Zusammenarbeit mit Mitstreitern aus Politik und Verwaltung. Die Chancen stehen sehr gut, dass sich etwas deutlich verbessert. Insbesondere mit der Umsetzung des Radfahrplans soll in diesem Jahr begonnen werden. Nun ist Papier bekanntlich geduldig und auch die bisherigen Konzepte lasen sich gut und sind dann irgendwann in der Schublade verstaubt. Was ist jetzt also anders und was können wir erwarten?

Es gibt solide Mehrheiten: In der Vergangenheit musste oftmals für jede einzelne Teilmaßnahme einzeln um Zustimmung gekämpft werden. Kam die falsche Person zur falschen Zeit mit einer guten Idee um die Ecke, war schon nicht mehr an eine Umsetzung zu denken. Im aktuellen Rat gibt es nun grundsätzlich eine Mehrheit für Radfahrprojekte.

Die Verwaltung hat einen Plan: Mit der Verabschiedung des Radfahrplans gibt es eine feste Richtschnur und klar formulierte Grundsätze, die von der Verwaltung selber initiiert wurden. Die handelnden Personen stehen voll hinter der Verkehrswende im Kleinstadt-Maßstab. Es gibt keine Blockade oder Verschleppungstaktiken, wie sie aus anderen Kommunen manchmal zu hören sind.

Das Geld ist da: Die Fördertöpfe für den Radverkehr werden immer mehr und größer. Mit dem Fortschreiten der Klimakrise gibt es keine Alternative zum Ausbau klimafreundlicher Verkehrsarten. Deswegen ist auch für die Zukunft mit Förderquoten von 75% und mehr zu rechnen. Damit vervierfacht sich quasi jeder eingesetzte Euro mindestens. Vorher schwer bezahlbare Sanierungen und Umbauten von Radverkehrsanlagen sind nun in greifbarer Reichweite. Dazu kommt die komfortable finanzielle Situation der Stadt Jever. Solides Arbeiten in der Vergangenheit haben es ermöglicht, dass an vielen Stellen in der Stadt viel Geld verbaut werden konnte. Davon sollte auch die Radverkehrsinfrastruktur profitieren.

Die Einwohner*innen wollen es: Nicht nur der große Zuspruch für die “Verkehrswende-Parteien” bei der letzten Stadtratswahl hat es gezeigt: Der Großteil der Einwohner*innen der Stadt will bessere Bedingungen fürs Radfahren. Die Leserbriefspalten, Einwohnerbefragungen und Kommentare in den sozialen Medien sprechen eine deutliche Sprache.

Was ist für 2022 zu erwarten?

Nachdem die grundsätzlichen Voraussetzungen für den Umbau zur Fahrradstadt im Augenblick gut aussehen, müssen die Chancen jetzt aber auch genutzt werden. Dabei ist klar, dass mit der Planung der langfristigen Projekte, wie der Bau von Radwegen an den Hauptachsen, zeitnah begonnen werden muss. Wenn wir bis 2026 warten, dann wird es nichts. Gleichzeitig müssen aber auch mit kleinen Maßnahmen die Bedingungen für den Radverkehr kurzfristig verbessert werden. Was ist also für 2022 zu erwarten?

Das folgende ist natürlich ein wenig ein Blick in die Glaskugel und zeigt, was möglich sein könnte. Viele Maßnahmen brauchen auch ein wenig Vorbereitungszeit und können erst in späteren Jahren umgesetzt sein. Einiges lässt sich aus dem Haushalt herauslesen, einiges ist in der Vergangenheit schon angekündigt oder begonnen worden und einiges kann auf politischem Wege auf den Weg gebracht werden.

Das steht im Haushalt

Im Haushalt der Stadt Jever für das Jahr 2022 sind erstmal pauschal 200.000 Euro für Maßnahmen aus dem Radfahrplan vorgesehen. Das ist ein erster Schritt und sieht nicht nach viel Geld aus. Durch Fördergelder lässt sich die Summe aber hoffentlich mindestens vervierfachen.

Die genauen vorgeschlagenen Maßnahmen stehen noch nicht fest und müssen dann noch vom Rat diskutiert und bestätigt werden. Von der Verwaltung wurden aber u.A. folgende Maßnahmen genannt, die in der engeren Überlegung sind. Möglicherweise ist aber noch nicht alles für 2022 zu erwarten, insbesondere die Corona-Pandemie bindet leider viele Personal-Ressourcen im Rathaus.

Interkommunaler Radweg als Radvorrangroute (3 m Breite) entlang der ehemaligen B 210 zwischen Famila und Heidmühle (über Moorwarfen): Die Fahrbahn ist seit der Rückstufung zur Stadtstraße deutlich zu breit, hier ist also ordentlich Platz für eine Umverteilung ohne Nachteile für den motorisierten Verkehr oder langwierige und teure Grundstücksankäufe. In Zusammenarbeit mit der Stadt Schortens kann hier eine deutliche Verbesserung für die vielen Pendler und Schüler geschaffen werden.

Nebenroute Ibenweg als Alternative zur Mühlenstraße: Die fahrradfreundlichere Gestaltung der Ibenweg-Nebenroute ist wichtig z.B. für Schüler zum Mariengymnasium im Vergleich zur Mühlenstraße (dort gibt es nur die Wahl zwischen Gehweg und Fahrbahn). Einige Probleme sind aber noch zu klären: Wie wir die Route an beiden Enden an die Hauptroute Mühlenstraße angebunden? Im Süden gibt es ein Nadelöhr zwischen den beiden Kreisverkehren, im Norden endet die Route am MG. Eine sinnvolle Möglichkeit zur Anbindung ist erstmal nicht ersichtlich. Zudem löst die Ibenroute nicht das Problem mit der Hauptstrecke Mühlenstraße. Für diese muss trotzdem eine Lösung gefunden werden.

Kreuzung Wittmunder Straße/Ziegelhofstraße/Jahnstraße: Dieser Knotenpunkt ist eine der gefährlichsten Kreuzungen der Stadt. Hier muss dringend etwas zur Entschärfung getan werden. Eine Änderung ist aber vermutlich kurzfristig nicht zu erwarten, weil die naheliegendsten Lösungen wie Ampelkreuzung oder Kreisverkehr sehr kostenintensiv sind und es vielfältige Probleme gibt, die gleichzeitig gelöst werden müssen. Es könnte hier aber zuerst einmal eine fachplanerische Neubewertung/Neuplanung anstehen.

Zusätzlich stehen auch im Jahr 2022 wieder 100.000 Euro für die Erhaltung/Sanierung bestehender Wege zur Verfügung. Was erstmal gut klingt, hat aber auch Tücken: Im Jahr 2020 wurde ein Teil des Gehwegs an der Wittmunder Straße (zwischen Normannenstraße und Ziegelhofstraße) mit einer neuen Asphaltdecke versehen. Das war zwar auch notwendig und die Oberfläche ist auch sehr gut. Leider wurde an der Breite des Weges nichts geändert, so dass dort weiterhin ein viel zu schmaler Weg vorhanden ist. Der Weg ist als Gehweg beschildert und darf in beide Richtungen von Radfahrenden benutzt werden. Außerdem ist es die Hauptroute Richtung Wittmund und Wiefels. Für diese Nutzung und die Bedeutung des Weges wären dort eigentlich 3 m Breite angemessen, mindestens aber 2,50 m. Wenn man davon ausgeht, dass dieser Weg jetzt für 15-20 Jahre normalerweise nicht mehr angefasst wird, wurde hier eine große Chance vertan. Deswegen sollten anstehende Sanierungen zukunftssicher sein.

Für die Instandsetzung von Schotterwegen („Wege mit wassergebundener Decke“) stehen 60.000 Euro zur Verfügung. Hier sollen 12 km wieder besser befahr- und begehbar gemacht werden. Weil Schotterwege dauerhaft Pflege brauchen, ist dieser Posten quasi in jedem Jahr notwendig, sonst sind diese Wege recht schnell unpassierbar.

Als feststehende große Maßnahme sind für den Aufbau von abschließbaren Fahrradabstellboxen am Theodor-Pekol-Platz 35.000 Euro im Haushalt eingeplant. Die Details dazu sind aktuell noch nicht bekannt. Als sichere Abstell- und Lademöglichkeit für hochwertige Räder ist das insbesondere für Tourist*innen sinnvoll, die sich länger in der Stadt aufhalten. Aber auch Einheimische profitieren natürlich davon. Ob der gewählte Platz am Ende sinnvoll ist muss sich zeigen. Wichtig ist, dass die Abstellboxen dann auch gefunden werden und dass die Nutzung sehr einfach ist.

“Leitplanung Radwege” als Masterplan für die Hauptrouten?

Das Kernprojekt des Radfahrplans ist die Verbesserung an den Hauptrouten, denn an diesen Wegen wird der Erfolg des Radfahrplans am Ende gemessen werden. Dies ist natürlich auch die umfangreichste Aufgabe. Deswegen sollte zeitnah im Jahr 2022 mit der Überlegung begonnen werden, wie dieses Projekt in sinnvolle Teilschritte zerteilt werden kann und welcher Straßenabschnitt in welchem Jahr angegangen wird. An dieser Leitplanung Radwege können dann alle Prozesse und Ressourcen für diese Aufgabe ausgerichtet werden und die Gefahr eines Verzetteln in Kleinprojekten besteht nicht.

Mögliche Fragestellungen für die Betrachtung der Leitplanung sind dabei unter anderem: Was ist der Idealzustand nach der Umplanung? Welche Standards wollen wir stadtweit im Radnetz haben? Gibt es wiederkehrende Elemente (einheitliche Farbgebung/Beschilderung/Oberflächengestaltung)? Planen wir die Abschnitte einzeln oder lassen wir vielleicht zu Beginn alles durchplanen und müssen dann nur noch die Planung abarbeiten? Wie lassen sich die Hauptstraßen in sinnvoll umsetzbare Abschnitte unterteilen? Mit welchen Streckenabschnitten fangen wir an? An welchen Stellen können wir den Radverkehr vielleicht vor anderen Verkehrsarten priorisieren? Gibt es vielleicht Strecken, auf der wir mit wenig Aufwand viel erreichen können? Wo müssen wir den Kreis oder das Land mit ins Boot holen?

Kurzfristige Kleinmaßnamen

Zusätzlich zu den großen Maßnahmen, die im Haushalt zu finden sind, gibt es natürlich noch die Möglichkeit mit Änderungen der Verkehrsregelung Verbesserungen für Radfahrende zu erzielen, also mit Schildern oder Markierungen auf der Fahrbahn.

Das können Geschwindigkeitsbeschränkungen sein, z.B. Ausweitung des verkehrsberuhigten Bereichs in der Altstadt, Tempo 30 im Umfeld von Schulen oder anderen Bereichen, in denen viele Radfahrerinnen und Fußgängerinnen unterwegs sind.

Im Rahmen des Radfahrplans ist vorgesehen, das Radfahren auf dafür ungeeigneten zu schmalen Gehwegen nicht weiter zu erlauben. Das könnte vor allem die Adolf-Ahlers-Straße/Ziegelhofstraße betreffen, deren Gehwege dafür schlicht zu schmal sind. Auf der Fahrbahn ist dort bisher Tempo 50 erlaubt. Wenn nun künftig auch vermehrt Fahrräder im Mischverkehr unterwegs sind, dann sollte man auch über eine Reduzierung auf Tempo 30 nachdenken, um die Nutzung als Schleichroute unattraktiv zu machen.

Möglich sind auch die Ausweisung von Fahrradstraßen. Das ist besonders in Bereichen mit hohem Fahrradaufkommen und Konfliktpotential sinnvoll, also z.B. im Umfeld von Schulen. So könnte die Schulstraße, die eine wichtige Route für Schüler aller drei Schulen am Dannhalm ist, Fahrradstraße werden. Grundsätzlich sollte die Verkehrssituation an allen Schulen in der Stadt einmal betrachtet werden, insbesondere die Konflikte mit den Elterntaxen. Letztere lassen sich nicht ganz vermeiden, sollten aber aus dem direkten Umfeld der Schulen so weit es geht heraus gehalten werden und stattdessen auf nahegelegene Parkplätze umgeleitet werden.

Um die Nutzung von Schleichwegen zu unterbinden, können Modalfilter oder Anwohnerstraßen helfen. Wenn Wege attraktiver zu Fuß oder mit dem Rad werden, dann bleibt das Auto öfter stehen. Die Ziele bleiben aber trotzdem motorisiert erreichbar, wenn auch vielleicht auf Umwegen. Positiver Nebeneffekt ist die Steigerung der Lebensqualität der Anwohner dieser Straßen durch weniger Verkehr.

Die Verwaltung erstellt aktuell eine Übersicht von vorhandenen Umlaufsperren („Drängelgitter“), die etwa für Lastenräder, Dreiräder und Fahrradanhänger unpassierbar sind. Ziel ist ein Rückbau zu Pollern oder zu zeitgemäßeren Umlaufsperren mit breiteren Durchfahrten, wo dies möglich ist.

Dazu wird es auch im Jahr 2022 wieder die Neuaufstellung von Fahrradbügeln geben, die ein sicheres Anschließen von Rädern ermöglichen. Pro Jahr sind hier 50 neue Bügel vorgesehen. Geplant ist, zuerst die Innenstadt zu versorgen und dann weitere Ziele außerhalb anzugehen.

Dazu kann es Maßnahmen geben, die das Miteinander zwischen Rad- und Autofahrenden kurzfristig verbessern. Viele Radfahrer*innen fühlen sich auf der Fahrbahn nicht wohl, weil sie bedrängt oder angehupt werden. Vielen Autolenker*innen ist nicht bewusst, dass in Jever überall mit dem Rad auf der Fahrbahn gefahren werden darf bzw. soll. Hier könnten Fahrradpiktogramme in regelmäßigen Abständen auf der Fahrbahn und Schilder („Fahrräder dürfen auf der Fahrbahn fahren“) helfen.

Das Jahr 2022 wird ein Jahr der Weichenstellung sein. Am Ende des Jahres wird erkennbar sein, ob und wann der Radfahrplan als Konzept umgesetzt wird und in welche Richtung es künftig gehen wird.


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Über den Autor

Mein Name ist Oliver de Neidels, ich bin 1979 geboren und wohne seitdem in Jever. Ich bin verheiratet und habe drei Schulkinder im Alter von 6-10 Jahren. Ich bin selbständig und habe ein kleines Unternehmen, das Webseiten wie diese hier baut.

Seit November 2021 sitze ich im Jeverschen Stadtrat und versuche dort (unter anderem) die Verkehrswende in der Kleinstadt voran zu bringen und den Straßenraum ein wenig gerechter zu verteilen.