Projekt

Fahrradstraße Clevernser Schulweg

07.10.2020 · von Oliver de Neidels

Um die Schulwegsicherheit zu erhöhen wurde der Clevernser Schulweg zwischen Cleverns und Rahrdum zur ersten Fahrradstraße in Jever umgewandelt. Die Benutzung mit Kraftfahrzeugen ist nur noch für Anlieger erlaubt.

Fahrradstraße Clevernser Schulweg: Lageplan, Infoplakat, Rahrdumer Seite, Clevernser Seite Bilder: Oliver de Neidels/Karte: Openstreetmap, Oliver de Neidels

Art der Maßnahme

Ausweisung einer Fahrradstraße mit Durchfahrtsbeschränkung nur für Anlieger

Ausgangssituation

Der Clevernser Schulweg ist die Hauptverbindung für Radfahrende zwischen Cleverns und Rahrdum. Insbesondere zu Schulbeginn/ und -ende herrscht hier ein hohes Verkehrsaufkommen (Auto- und Radverkehr). Auch zu anderen Tageszeiten wird die Strecke durch RadfahrerInnen allen Alters rege genutzt.


Die Straße ist zwischen dem Ortsausgang Rahrdum und dem Ortseingang Cleverns 4 m breit und mit Tempo 30 beschildert. Die Strecke ist durch beidseitigem Bewuchs und die vielen Kurven sehr unübersichtlich.


Die Geschwindigkeitsbegrenzung wurde oftmals nicht eingehalten.


Aufgrund der nur 4 m breiten Fahrbahn ist es nicht möglich, Radfahrende mit ausreichend Sicherheitsabstand (hier 2 m, weil die Strecke außerorts liegt) zu überholen. Es besteht also faktisch ein Überholverbot, das von Autos nicht eingehalten wird. Es wurde oft versucht, sich an Kindern vorbeizudrängeln, es wird gehupt und geschnitten. Einige Eltern bringen die Kinder deshalb lieber mit dem Auto (was die Situation weiter verschärft).


Eine Alternativroute, die nur ein Teilstück über den Clevernser Schulweg führt und anschließend über teilweise mit Bauschutt verfüllte, schmale Feldwege (teilweise einspurig, Fahrspur teilweise nur 40-50 cm, kein Gegenverkehr möglich) und das Wohngebiet Voßland und dort durch einen schmalen einspurigen Geh-/Radweg führt, ist als Ausweichroute nicht benutzbar. Räder mit Anhänger (Kindergartenkinder) und Lastenräder können dort wegen der Breite gar nicht fahren. Für unsichere RadfahrerInnen (Kinder, SeniorInnen) ist dieser Weg nicht zu gebrauchen.

Lösungsidee

Ich habe diese Lösung als Schulelternratsvorsitzender erarbeitet und mich zusammen mit der Schulleitung im September 2019 an den Fahrradbeauftragten der Stadt, Ingo Borgmann, und den Leiter des Ordnungsamts, Jörg Schwarz, gewandt. Wegen des fahrradfreundlichen Gesamtklimas in der Stadt haben wir offene Türen eingerannt. Nach einem Ortstermin mit Andreas Kreye von der Polizei wurde dem Wunsch entsprochen und die Umsetzung zugesagt. 

Um den Clevernser Schulweg als Radfahrer sicher nutzen zu können, mussten die AutofahrerInnen dazu bewegt werden, die bereits bestehenden Regeln einzuhalten (Tempo 30, Überholverbot für Fahrräder).


Die wirksamste Lösung ist hier die Ausweisung einer Fahrradstraße mit Freigabe für Kraftfahrzeuge zwischen dem Dorfplatz Cleverns und dem Ortseingang Rahrdum (Brücke). Dies würde für AutofahrerInnen keine wirklichen Änderungen mit sich bringen (Tempo 30 bleibt bestehen, Radfahrer dürfen schon jetzt nicht gefährdet/behindert/überholt werden). Allerdings würde sich durch die Ausweisung die Situation in Richtung Radfahrer verschieben, die die Straße dann deutlich entspannter und mit mehr Rechten nutzen können. Durch diese deutlich sichtbare Änderung müssen sich AutofahrerInnen mit der geänderten Lage auseinandersetzen und passen ihr Verhalten an. Die veränderten Regeln könnte durch Plakate am Schulparkplatz und am Ortsausgang Rahrdum erklärt werden ("Auto nur zu Gast").


Für schnellere AutofahrerInnen besteht die Möglichkeit über die Rahrdumer Straße/Schenumer Straße (L813) mit Tempo 50/70 nach Cleverns zu kommen. Dies macht zeitlich gesehen (je nach Start/Ziel) kaum einen Unterschied.


Die Ausweisung als Fahrradstraße ist auch vom Kostenfaktor recht günstig umzusetzen (Beschilderung und Markierungen auf der Straße). Da sich für AutofahrerInnen durch die gleichzeitige Freigabe für Kfz eigentlich recht wenig ändert, ist mit einer hohen Akzeptanz der Maßnahme zu rechnen.


Die rechtlichen Vorgaben zur Ausweisung (Fahrradverkehr muss vorherrschende Verkehrsart sein bzw. dies ist nach Ausweisung zu erwarten) sind erfüllt. Außerdem ist zu erwarten, dass die Anzahl der Elterntaxis deutlich abnimmt, weil viele Eltern ihre Kinder dann selber fahren lassen.


Da die Ortsteile Cleverns und Rahrdum generell auf viele Weisen verbunden sind (neben Schule/Kindergarten auch durch Feuerwehr, Sport- und sonstige Vereine, Kirche etc.) profitieren von dieser Maßnahmen nicht nur die Schulkinder, sondern ganztags alle Bewohner der Ortsteile.

Umsetzung

Die Umsetzung erfolgte Anfang Oktober 2020 fast wie gewünscht. An beiden Seiten wurden Fahrradstraßenschilder aufgestellt, außerdem bei zwei einmündenden Wegen. Außerdem stehen von beiden Seiten große Plakate mit Hinweisen für AutofahrerInnen. 

Bei der Beschilderung wurde sogar mehr gemacht als vorgeschlagen: Im Unterschied zum Vorschlag wurde die Einfahrt nur für Anlieger erlaubt. Da der Schulparkplatz innerhalb des Fahrradstraßenbereichs liegt, dürfen aber auch Elterntaxis die Straße weiter nutzen. Die reine Durchfahrt als Abkürzung für Pendler und Nutzung als Schleichweg ist nicht mehr erlaubt. Das hat den Vorteil, dass die legalen Autofahrten deutlich weniger werden und somit auch das Gefährdungspotential.

Fazit

Da ich der Initiator war, habe ich das Lob und auch Kritik deutlich mitbekommen. Es gab am Anfang bei Betroffenen einen Aufschrei, mittlerweile hat sich die Lage beruhigt und sogar viele Elterntaxen fahren mittlerweile außen herum über Schenum, obwohl sie es nicht müssten.

Lob gab es von sehr vielen Menschen. Grob gesagt findet fast jeder, der die Straße bisher nicht nur mit dem Auto genutzt hat, die Maßnahme gut.

Kritik war häufig undifferenziert und wenig logisch begründet. Es wurde beispielsweise gesagt, dass die Fahrradstraße unnötig sei, weil es einen Schotterweg gäbe, der genutzt werden könnte. Von einer Mutter kam folgende Aussage: “Ich finde es schwierig den Kindern alles abzunehmen - auf anderen Strecken müssen sie ja auch auf Autos achten. Und das sollten sie von Anfang an lernen finde ich - auch auf dem Schul-/Kindergartenweg.” Das kann aber ja nicht als Begründung herhalten, dass AutofahrerInnen sich dort nicht an die Regeln halten und andere gefährden.

Am Eichenwall, Cleverns
Nicht nur als Schulweg ungeeignet: Detailaufnahme des von ein paar Eltern empfohlenen Schotterwegs  Bild: Oliver de Neidels

Die meisten der Kritiker stören sich daran, dass sie jetzt hinter den Radfahrenden hinterher fahren müssen. Das war aber auch vorher schon so, weil die Straße schlicht zu schmal zum legalen Überholen ist.

Mittlerweile wird dort deutlich rücksichtsvoller gefahren und der Verkehr hat sich reduziert. Es halten sich aber leider nicht alle an die neuen Regeln und es kam zu ein paar Revierkämpfen von AutofahrerInnen. Ich selber bin dort von einem Autofahrer so dicht überholt worden, dass das Auto mit dem Außenspiegel meinen Arm gestreift hat. Mit Glück bin ich nicht gestürzt. Der Autofahrer hat nicht gehalten, sondern hat sich schnell aus dem Staub gemacht. Bei zwei anderen Gelegenheiten wurde die Fahrrad-Fahrgemeinschaft meines Sohnes auf dem Heimweg von Elterntaxis aus dem Weg gehupt.

Es hat auch schon erste Kontrollen durch die Polizei gegeben. Ich hoffe, dass es da im neuen Jahr zu einer größeren Kontrolle kommt und insbesondere die gefährlichen Überholvorgänge geahndet werden. Auch die Schleichwegnutzung muss kontrolliert werden, sonst werden die Schilder irgendwann gar nicht mehr beachtet und es bleibt als letzte Eskalationsstufe nur die Errichtung eines Modalfilters in irgendeiner Form.

Ein richtiges Fazit möchte ich aber erst im Frühjahr ziehen, wenn Schule und Kindergarten hoffentlich wieder regelmäßig stattfinden.


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Über den Autor

Mein Name ist Oliver de Neidels, ich bin 1979 geboren und wohne seitdem in Jever. Ich fahre gerne Fahrrad und versuche in meinem Alltag so weit es geht auf mein Auto zu verzichten. Das geht in unserer ländlichen Region natürlich nicht immer. Fußballplätze auf Dörfern sind sonntags morgens um 9 Uhr nicht mit dem ÖPNV zu erreichen. Aber innerhalb der Stadt bekommt das Rad fast immer den Vorzug.

Ich bin verheiratet und habe drei Kinder, die hier zur Schule und zum Kindergarten gehen. Ich bin selbständig und habe ein kleines Unternehmen, das Webseiten wie diese hier baut.