Grundlagen Radinfrastruktur

Gehwege mit "Fahrrad frei" sind keine Radwege

18.11.2020 · von Oliver de Neidels

Häufiges Missverständnis: Ein Gehweg wird nicht zu einem Radweg, nur weil dort das Zusatzschild “Fahrrad frei” angebracht ist. Radfahrende dürfen solche Wege nur mit Schrittgeschwindigkeit und besonders vorsichtig nutzen und gehören lieber auf die Fahrbahn. Aber es gibt eine Alternative.

Wittmunder Str., Nov. 2020, Gehweg Fahrrad frei in beide Richtungen
So nicht: Viel zu schmaler Gehweg (1,65 m) an der Wittmunder Straße, der in beide Richtungen auch für Radfahrer freigegeben ist. Der Weg müsste nach aktuellen Standards für diese Nutzung mindestens 3 m breit sein. Bild: Oliver de Neidels

Einer der größten Fehler bei Radinfrastrukturplanungen ist die Freigabe von Gehwegen für den Fahrradverkehr. Dieses Instrument ist als letztes Mittel vorgesehen an den Stellen, wo wirklich keine andere Lösung möglich ist. Vorher sollen alle anderen Lösungen geprüft werden (eigenständiger Radweg, Radfahrstreifen, gemeinsamer Geh-/Radweg, “Schutzstreifen”).

Die heutigen freigegebenen Gehwege sind oft die ehemaligen Radwege, bei denen die Kommunen aufgrund der geänderten Rechtslage zur Radwegbenutzungspflicht einfach nur die Schilder ausgetauscht haben, die Wege aber weiterhin genau so genutzt werden sollen. Eine weitergehende Planung hat dann meist nicht stattgefunden und eine Auseinandersetzung mit dem Thema wird vermieden.

Gehwege sind kein Teil von Radverkehrsinfrastrukturen und werden das auch nicht durch ein Zusatzschild “Fahrrad frei”.

Der Radverkehr ist auf einem Gehweg immer nur Gast und muss seine Geschwindigkeit an den Fußverkehr anpassen. Das bedeutet Schrittgeschwindigkeit, zur Not muss abgestiegen und geschoben werden. Kommt es zu einem Unfall, ist der Radfahrende Schuld. Diese rechtliche Bewertung ist aber nicht allen klar und kann auch bei der Benutzung nicht vorausgesetzt werden — schon gar nicht wenn sich die Beschilderung im Laufe der Wegstrecke ständig ändert.

Die Empfehlung für Radfahrende ist, dass ein Gehweg “Fahrrad frei” nur in absoluten Ausnahmefälle genutzt werden sollte. Das führt bei Autofahrenden allerdings oft zu Unverständnis, weil auch dort die Rechtslage meist unklar ist. Enges Überholen, Anhupen, Drängeln Beleidigungen und belehrende Gesten sind die Konsequenz. Grundsätzlich sind die Kommunen hier aufgefordert für vernünftige Lösungen zu sorgen.

Bessere Alternative: Gemeinsamer Geh-/Radweg ohne Benutzungspflicht

Was also tun? Die rechtlichen Hürden für die Anordnung einer Benutzungspflicht von Radwegen sind mittlerweile so hoch, so dass sie in der Praxis in Jever kaum umsetzbar sind. Wenn der Platz nicht ausreicht, um getrennte Wege für Fuß- und Radverkehr zu schaffen (dies muss immer die erste Wahl sein), muss also eine andere Lösung gefunden werden.

Gemeinsamer Geh-/Radweg ohne Benutzungspflicht
Das Piktogramm für den gemeinsamen Geh- und Radweg wird auf die Verkehrsfläche aufgebracht, Schilder sind nicht notwendig

Eine Alternative liegt in der Ausweisung von Geh- und Radwegen ohne Benutzungspflicht. Diese Flächen werden erkennbar für die gemeinsame und gleichberechtigte Nutzung von Geh- und Radverkehr gestaltet, müssen breit genug sein (Mindestbreite 2,50 m, wenn Radverkehr in beide Richtungen erlaubt ist 3 m) und werden nicht durch ein Schild ausgewiesen, sondern sind durch Piktogramme auf dem Boden erkennbar.

Weitere Informationen finden sich u.A. bei Bernd Sluka.


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Über den Autor

Mein Name ist Oliver de Neidels, ich bin 1979 geboren und wohne seitdem in Jever. Ich fahre gerne Fahrrad und versuche in meinem Alltag so weit es geht auf mein Auto zu verzichten. Das geht in unserer ländlichen Region natürlich nicht immer. Fußballplätze auf Dörfern sind sonntags morgens um 9 Uhr nicht mit dem ÖPNV zu erreichen. Aber innerhalb der Stadt bekommt das Rad fast immer den Vorzug.

Ich bin verheiratet und habe drei Kinder, die hier zur Schule und zum Kindergarten gehen. Ich bin selbständig und habe ein kleines Unternehmen, das Webseiten wie diese hier baut.