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„Radfahrer absteigen“ als Verkehrszeichen für mangelnde Wertschätzung

31.12.2020 · von Oliver de Neidels

Man stelle sich folgende Situation vor: In einer jeverschen Hauptverkehrsstraße ist die Fahrbahn komplett gesperrt. Es gibt keine Umleitung, keine Hinweise, sondern nur ein Schild mit der Aufschrift „Autofahrer aussteigen“. Absurde Situation? Ja, aber nicht für Radfahrende.

Bahnhofstraße
Zweierlei Maß: “Radfahrer absteigen” in der Bahnhofstraße. Für Autos wäre eine alternative Route ausgeschildert. Radfahrende müssen selber zusehen wie sie klarkommen. Die regelwidrige Beschilderung ist nicht hilfreich. Richtig wäre hier eine geschützte Aufleitung auf die Fahrbahn und Reduzierung auf Tempo 30. Bild: Stephan Lutz

Das Aufstellen von Verkehrsschildern ist ein Verwaltungsakt und wird für gewöhnlich von Fachleuten geprüft und angeordnet. Und auch wenn nicht alle Schilder immer ganz korrekt aufgehängt werden, haben sich im Vorfeld doch zumindest fachkundige Personen mit der Angelegenheit befasst.

Anders sieht die Sache oft bei der Beschilderung von Baustellen aus. Hier wird nicht so genau geplant: Ein paar Warnbaken und Absperrungen werden aufgestellt und fertig. Manchmal steht man vor dem Problem, dass die Arbeiten Radwege blockieren oder einengen. Hier schlägt die Stunde des Verkehrszeichens 1012-32 mit der Aufschrift „Radfahrer absteigen“. Die Absicht dahinter ist schnell erklärt: Radfahrende mögen den Sattel ihres Drahtesels verlassen und an der Problemstelle vorbeischieben. Klingt nach einer einfachen Lösung für ein einfaches Problem. Ist es aber nicht.

Rechtlich gesehen darf dieses Schild nur als Zusatzschild unter anderen Verkehrszeichen verwendet werden und hat als einzeln stehendendes Schild keine Wirkung, weil sich Zusatzschilder immer auf das Schild beziehen, mit dem sie zusammen angebracht sind. Das wissen die wenigsten und das Schild erfüllt an dieser Stelle trotzdem irgendwie seinen Zweck, nämlich auf eine Gefahrenstelle (die Baustelle) hinzuweisen.

Die vorgeschlagene Lösung ist aber eigentlich gar keine: „Radfahrer absteigen“ steht dort – und dann? Wie geht es weiter?  Die Person mit dem Fahrrad steht jetzt abgestiegen in der Bahnhofstraße vor der Absperrung und muss sich einen Weg durch den Verkehr und die parkenden Autos suchen. Auf der Fahrbahn fahren? Lieber nicht, denn das hätte sie ja schon die ganze Zeit machen dürfen und sie wird sicher gute Gründe gehabt haben, es nicht zu tun. Also auf die andere Straßenseite wechseln, dort auf dem Gehweg schieben und hinter der Baustelle nochmal die Fahrbahn überqueren. Für Kinder und SeniorInnen ist das bei der unübersichtlichen Lage an der Baustelle nicht ganz einfach.

Zurück zur Situation vom Anfang: Man stelle sich den Aufschrei vor, wenn an einer Hauptverkehrsverbindung so eine Situation für Autos vorhanden wäre. Die Straße ist komplett gesperrt, keine Umleitung ausgeschildert sondern nur ein einzelnes Schild „Autofahrer aussteigen“. Binnen Minuten hätte sich eine wütend hupende Autoschlange gebildet, die Polizei wäre wegen der verkehrsgefährdenden mangelhaften Baustelleneinrichtung gerufen worden und am Folgetag stünde im Wochenblatt ein Artikel in der Rubrik „Alltagsärger“ in dem auf diese Posse aus Schilda hingewiesen worden wäre. Und das völlig zu Recht.

Bei Radfahrenden wird das alles schulterzuckend hingenommen und das obwohl Fahrräder als Fahrzeuge dem Auto gleichgestellt sein sollten. Die Lösung wäre auch ganz einfach: Rechtzeitig vor der Baustelle wird auf der Fahrbahn Tempo 30 ausgewiesen und auf Fahrräder hingewiesen. Die Radfahrenden werden an einer vorhandenen Bordsteinabsenkung mit einer durch Baken geschützten Aufleitung auf die Fahrbahn geführt und nach der Baustelle wieder zurück auf den Radweg. Wer es ganz richtig machen will, der trennt mit Baken noch einen Teil der Fahrbahn für den Radverkehr ab, so dass sich Autos und Fahrräder nicht in die Quere kommen. Breit genug wäre die Bahnhofstraße dafür gewesen. So aber stand dort nur das Verkehrszeichen 1012-32 „Radfahrer absteigen“ für mangelnde Wertschätzung gegenüber Radfahrenden.


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Über den Autor

Mein Name ist Oliver de Neidels, ich bin 1979 geboren und wohne seitdem in Jever. Ich fahre gerne Fahrrad und versuche in meinem Alltag so weit es geht auf mein Auto zu verzichten. Das geht in unserer ländlichen Region natürlich nicht immer. Fußballplätze auf Dörfern sind sonntags morgens um 9 Uhr nicht mit dem ÖPNV zu erreichen. Aber innerhalb der Stadt bekommt das Rad fast immer den Vorzug.

Ich bin verheiratet und habe drei Kinder, die hier zur Schule und zum Kindergarten gehen. Ich bin selbständig und habe ein kleines Unternehmen, das Webseiten wie diese hier baut.