Auf dem Weg zur Fahrradstadt

Radabstellanlage am Graftenhaus

06.05.2021 · von Oliver de Neidels

Die Diskussion um die geplante Fahrradabstellanlage am Graftenhaus im Ratsauschuss am vergangenen Donnerstag hat es gezeigt: Auf dem Weg zur Fahrradstadt gibt es noch Redebedarf. Die vielen Fragen und Anmerkungen zum Thema zeigten, dass noch Unsicherheit besteht, ob an so zentraler Stelle sieben Autoparkplätze für einen Fahrradständer mit 30 Plätzen “geopfert” werden sollen und ob die geplante Ausführung angemessen ist.

Parkplatz Graftenhaus
Vor dem Graftenhaus bestimmen bisher Autos das Bild. Bild: Oliver de Neidels

Grob vereinfacht lassen sich Radfahrer in zwei Parktypen unterscheiden: Die „Kurzzeitparker“, die ein bestimmtes Geschäft, Gastronomiebetrieb oder Einrichtung aufsuchen und deswegen in direkter Nähe dazu einen einfachen Fahrradbügel brauchen. Für diese Gruppe sollten viele Bügel in Kleingruppen in der Stadt verstreut sein, jeweils in Zielnähe.

Im Gegensatz dazu gibt es den „Langzeitparker“, der die Stadt nicht mit einem bestimmten Ziel aufsucht, sondern bummeln möchte und mehrere Geschäfte aufsucht und am Ende noch einen Kaffee in der Stadt trinkt. Für diese Menschen brauchen wir eine gut ausgestattete Abstellanlage an zentraler Stelle, mit der Möglichkeit zum Verstauen von Taschen und Fahrradhelmen und geschützt vor Regenschauern. Eine Toilette in der Nähe und Infos für Touristen runden den perfekten Parkplatz ab. Diese Bedingungen sind auf dem vorgeschlagenen Areal ideal erfüllt.

Ein Fahrradständer in zweiter Reihe dagegen, der nicht gut sichtbar und erreichbar ist, wird nicht genutzt werden. Das kann schon für den Platz hinter dem Graftenhaus in der Frl.-Marien-Str. gelten. Dieser Standort ist zu versteckt um dort ein hochwertiges Pedelec mit gutem Gewissen abzustellen.

Der befürchtete Parkplatzmangel für Autos entsteht auch nicht, weil es genügend Plätze auf den Großparkplätzen gibt. Nur an Tagen, an denen der Platz vor dem Graftenhaus und der Schlossplatz ohnehin wegen Veranstaltungen für den Verkehr gesperrt sind, wird es eng. Das ist noch ein Grund mehr für den Umstieg aufs Rad: Jede Person, die mit dem Drahtesel in die Stadt kommt ist ein Person weniger, die einen Autoparkplatz nutzt.

Auch die Bedenken, dass die Überdachung bei Veranstaltungen im Wege ist, könnten leicht aus dem Weg geschafft werden: Die Fahrradbügel werden demontierbar ausgeführt und der Unterstand verwandelt sich beim Brüllmarkt zum Hühnerstall und beim Altstadtfest zum wetterfesten und gemütlichen Standort für Bierzeltgarnituren.

Und zu guter Letzt können die Sorgen der Inhaber der Geschäfte und Gastronomiebetriebe sogar ins Gegenteil umgekehrt werden, denn aus anderen Orten ist bekannt: Radfahrer sind bewusstere Kunden, kommen öfter, bleiben länger und geben mehr Geld aus als Autofahrer. Je mehr Radfahrer in die Stadt kommen und sich hier wohl fühlen, desto besser also für die Betriebe vor Ort. Wer also nicht nur an Autofahrer denkt, sondern an alle Kunden, der hat am Ende vollere Kassen.

Dieser Artikel ist am 06.05.2021 im Jeverschen Wochenblatt erschienen.


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Über den Autor

Mein Name ist Oliver de Neidels, ich bin 1979 geboren und wohne seitdem in Jever. Ich fahre gerne Fahrrad und versuche in meinem Alltag so weit es geht auf mein Auto zu verzichten. Das geht in unserer ländlichen Region natürlich nicht immer. Fußballplätze auf Dörfern sind sonntags morgens um 9 Uhr nicht mit dem ÖPNV zu erreichen. Aber innerhalb der Stadt bekommt das Rad fast immer den Vorzug.

Ich bin verheiratet und habe drei Kinder, die hier zur Schule und zum Kindergarten gehen. Ich bin selbständig und habe ein kleines Unternehmen, das Webseiten wie diese hier baut.